Gründung 1912

- Friedrichshafener Seeblatt März 1912

- Laden Eugenstraße mit Balbine u. Rudolf Ulmer
Das hätte sich Rudolf Ulmer I., der am 1. Dezember 1879 als Sohn eines Hausmetzgers in Ulm das Licht der Welt erblickte, wohl kaum träumen lassen, dass aus seiner kleinen Bäckerei in der Häfler Eugenstraße einmal ein moderner Backbetrieb mit 35 Filialen werden würde.
Die Geschichte der Häfler Bäckerei Ulmer begann, als Rudolf Ulmer Anfang März 1912 aus der Zeitung erfuhr, dass der Verkauf eines fast neuen Bäckereianwesens am Bodensee ausgeschrieben war. Dabei erwarb er doch erst 1910 in Stuttgart-Feuerbach eine Bäckerei, die allerdings einen für ihn entscheidenden Nachteil hatte: Der Deutsch-Nationale machte aus seiner Gesinnung keinen Hehl, und so konnte er bei den Feuerbachern keinen großen Zuspruch und Zulauf haben.
Friedrichshafen, die seinerzeit spektakuläre Zeppelinstadt, in der auch seit dem Bahnlinienbau nach Ulm eine Art Goldgräberstimmung geherrscht haben muss, beflügelte seine Fantasie, als er von dieser Anzeige im Friedrichshafener Seeblatt vom 5. März 1912 erfuhr.
Rudolf Ulmer blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken. Denn schon am Montag, den 11. März 1912 mussten die Interessenten nachmittags um 2 Uhr auf dem Häfler Rathaus Zimmer Nr. 16 erscheinen, um Nägel mit Köpfen zu machen. Der Konkursverwalter brachte das Bäckereianwesen in der Eugenstraße 55 zum zweiten und letzten Mal zum Verkauf. Neben der Bäckerei sei bisher noch eine Spezereihandlung betrieben worden. Das Gebäude sei erst 1903 erbaut worden und befände sich in einem guten Zustand und für ganze 24.500 Mark könne es laut gemeinderätlichem Anschlag erworben werden.
Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war die seltsame Begebenheit, dass das noch fast neue Gebäude Eugenstraße 55 bis dahin schon den vierten Besitzer hatte.
Im Grundbuch waren eingetragen:
- Eisele Ottmar, Bäckermeister in Friedrichshafen am 3. November 1903
- Butscher Max, Bäckermeister in Friedrichshafen am 7. März 1905
- Reggel, Engelbert, Bäckermeister aus Konstanz am 17. November 1907
- Jehle, Johann, Bäcker in Friedrichshafen am 26. August 1911
- Ulmer, Rudolf, Bäckermeister am 23. März 1912.
In den Kriegsjahren

Die Frau von Meister Ulmer soll damals bei der ersten Besichtigung sehr erschrocken sein, als sie drei Bäckereien dicht nebeneinander vor dem Werkstor der »Eisenbahnwerkstatt« sah, und gesagt haben: »Wenn einer gut schmeißen kann, wirft er mit einem Stein über drei Bäckerkamine !«
Aber damals galt wie heute: Konkurrenz belebt das Geschäft — und mit Fleiß, Sparsamkeit, handwerklichem Können und dem gemeinsamen Zupacken von Frau und Stieftöchtern konnte man eine »Existenz« aufbauen.
Von 1914 bis 1918 holte man den Reservisten Ulmer zu den Fahnen, derweil die Frauen zuhause mit gemahlenen Eicheln, Mais, Gerste und gekochten Kartoffeln das Mehl strecken mussten, um ein sättigendes Brot backen zu können.
Nach dem Ersten Weltkrieg widmete sich Rudolf Ulmer sen. wieder voll seinem Geschäft. Mit Handleiterwagen und Pferdefuhrwerk wurden Backwaren verhausiert, denn die Eugenstraße war damals wie heute weder eine pulsierende Geschäftsstraße noch eine dichtbesiedelte Wohngegend. Aber ein Strom von Arbeitern wälzte sich zweimal täglich durch das Werkstatt-Tor. Ob es wohl diese vielen Männer waren, die mit dem Vesper im Brotbeutel die Phantasie der drei Eugenstraßenbäcker Bräunlich, Lutz und Ulmer so beflügelt hatten?
Betriebserweiterung 1926
Der Mehlvorrat war sicher nicht groß und Meister Ulmer musste sich täglich aufs Neue bei den Müllern an der Rotach von Meistershofen bis Fuchstobel um eine Mehlsendung bemühen. Hier fand er Kontakt zu den Teuringer Jägern, was schließlich zu seinem Hobby, dem edlen Waidwerk führte.
Ein Sprichwort sagt: »Die bissigsten Hunde beißen sich selbst« — und Meister Ulmer schoss sich eine Schrotladung durch ein umfallendes Gewehr in Arm und Rippen.
Geschrieben hat er nichts mehr mit der versteiften Hand, aber 1926 vergrößerte er die Backstube durch einen Anbau und ließ einen indirekt beheizten Dampfbackofen einbauen. Im gleichen Jahr verstarb seine Frau Maria. Die Töchter Käthe und Liesel besorgten Laden und Haushalt, bis er 1931 sich wieder mit der oberbayerischen Bäckermeisterswitwe Balbine Steininger verheiratete, die die 15jährige Tochter Marianne und den 13jährigen Sohn Franz mit in die zweite Ehe brachte.

- Stammhaus Eugenstraße 1926
Ein Husar wurde geboren (1934)
Dann — 1934 wurde sein einziger Sohn, der jetzige Seniorchef Karl Rudolf Ulmer geboren.
»Ein treuer Husar ist angekommen« musste die Zeitung verkünden. Es soll eine unbeschreibliche Freude im Bäckerhaus der Ulmers geherrscht haben. Der Senior war immerhin schon 55 Jahre alt. Zum Festumzug am 1. Mai 1935 wurde ein 30pfündiger Kranz aus Zopfteig gebacken, ein würdiger Rahmen für Mutter und Sohn.
Als der »Bubi« das Laufen gelernt hatte, musste ein Uniformschneider Maß nehmen und eine originalgetreue Uniform der 13er Husaren für ihn »bauen«. Von nun an durfte er mit dem stolzen Vater in die Wirtschaften gehen, die Ulmers Wecken und Bierstengel feilboten, und auf dem Tisch stehend das stets vorhandene Publikum mit dem Marschlied »Es war einmal ein treuer Husar« unterhalten.
25-jähriges Jubiläum (1937)
Im Jahr 1937 wurde das 25jährige Geschäftsjubiläum gefeiert. Der Laden wurde eigens dafür modernisiert und in den Häfler-Kinos wurde für Ulmers Spezial‑Kraft-Graubrot, ein sogenanntes Kommißbrot, intensiv geworben. Der Stiefsohn Franz Steininger hatte das Bäckerhandwerk erlernt und sollte eines Tages die Bäckerei weiterführen. Aber es gab wieder Krieg — der »Franzl« wurde in Frankreich verwundet und konnte den damals noch schweren Bäckerberuf nicht mehr ausüben.
Während des Krieges machte er in München eine ergänzende Konditorlehre. Vater Ulmer musste seine Jagdflinte immer öfter am Nagel hängen lassen, um in der Bäckerei wieder mit Hand anzulegen, denn seine eingespielten Bäcker wurden eingezogen und durch Gefangene und Internierte aus Frankreich, Holland, Belgien und Russland ersetzt.
Die Luftangriffe auf Friedrichshafen sorgten ständig für neue Probleme im Bäckerhaus. Mal war die Wasserleitung geborsten, dann gab es wieder keinen Strom und man musste die schweren Teige bei Kerzenlicht mit den Händen kneten; die Braunkohlenbriketts wurden durch getrockneten Torf ersetzt und zu guter Letzt mussten die Bäcker als Holzfäller im Seewald die ihnen zugewiesenen Bäume zu Brennholz machen, um die tägliche Brotversorgung sicherzustellen.
Der heranwachsende »Bubi« wurde zum Rudi und durfte die Brotmarken, die bei jedem Einkauf von der Lebensmittelkarte abgeschnippelt wurden, mit einem Roggenmehlkleister, dem »Mehlbabb« auf Bogen kleben, die dann vom Ernährungsamt in Mehlbezugsscheine umgetauscht wurden.
In der Nacht zum 28. April 1944 wurde das Haus Eugenstraße 55 von mehreren Stab-Brandbomben getroffen, und nur dem Umstand, daß Bäckerkehlen stets durstig sind und deshalb ein wohlgefüllter Mostkeller zum Inventar gehört, ist es zu verdanken, daß das Haus nicht abgebrannt ist. Eine Mosteimerkette hat die Bäckerei gerettet; nur für die Schweine im Stall neben der Garage kam jede Hilfe zu spät.
Nach Kriegsende wurden Schäden ausgebessert, Holz und Pappe, womit die Fenster vernagelt waren, wieder durch Glas ersetzt; Brot, Mehl und Hefe waren begehrte Tauschmittel.
1958 übernimmt Karl Rudolf Ulmer die Bäckerei

- Karl Rudolf Ulmer mit Sohn Rudolf Leonhard

- Irene Ulmer mit Balbine Ulmer
Im Sommer 1947 bestand Franz Steininger die Bäckermeisterprüfung, ging anschließend in Urlaub und kehrte von einer Bergtour nicht mehr zurück. Drei Monate nach der Währungsreform 1948 starb der Gründer Rudolf Ulmer.
Der 14jährige Sohn Rudolf Karl besuchte zu dieser Zeit die Höhere Handelsschule in Ravensburg und erlernte von 1950 —1952 ebenfalls das Bäckerhandwerk.
Seine Gesellenzeit verbrachte er am Vierwaldstätter See, in Luxemburg, Offenbach und Biberach. Nebenher legte er 1956 in Ulm die Meisterprüfung ab und übernahm 1958 nach 6jähriger »Wanderschaft« das elterliche Geschäft, mit dem es nicht mehr zum Besten stand. Seine Frau Irene, die mit ihm die Handelsschulbank gedrückt hatte, fand die erste Tageseinnahme von 40 Mark im wahrsten Sinne des Wortes zum Heulen!
Aus der Verbindung von Karl Rudolf und Irene gingen drei Söhne hervor:
Rudolf Leonhard (1958)
Alexander (1960)
Claudius (1968)

- Teigmacherei mit Mehlsiloanlage

- Backhaus am Rohrbach 1974
1974 - Das Backhaus am Rohrbach
1974 wurde am Rohrbach ein neues Backhaus auf der grünen Wiese errichtet. Damals entstanden hier auf einem Grundriss von 810 Quadratmetern in zehn Backöfen täglich etwa 1.000 Brote und etwa 10.000 Kleinbrote.
Leider durfte Balbine Ulmer, die Frau des Firmengründers Rudolf Ulmer, den Umzug in das neue Backhaus nicht mehr miterleben. Balbine Ulmer verstarb am 30. Oktober 1974 im Alter von 83 Jahren.
1986 - Betriebserweiterung
10 Jahre später vergrößerte Firmenchef Karl Rudolf Ulmer das Backhaus am Rohrbach. Der neue Anbau stellte die dringend benötigte Fläche für Konditorei, Kühlräume und Versand bereit. Rechtzeitig zum 75-jährigen Jubiläum konnten die neuen Räume bezogen werden.

- Unsere Mannschaft von 1987 vor dem Haupteingang des Erweiterungsbaus
75-jähriges Jubiläum (1987)

- Riesenfest zum 75-jährigen Betriebsbestehen des Backhauses Ulmer
Rudolf Ulmer sen. und Alex Ulmer begrüßen beim Festakt zum 75-jährigen Jubiläum unseren ehemaligen Oberbürgermeister Dr. Bernd Wiedmann mit Frau Hella, die es sich nicht nehmen ließen, zusammen mit Stadtpfarrer Nussbaumer in Ulmer´s Backstube zu erscheinen, um dem Erweiterungsbau den kirchlichen und weltlichen Segen zu erteilen.
"Schauen Sie auf den Mittelstand. Er ist der Garant der Wirtschaft in der heutigen Zeit." Mit diesen Worten hat Kreishandwerksmeister Albert Brauchle am 6. März 1987 dem Backhaus Ulmer am Rohrbach zu seinem 75-jährigen Betriebsbestehen gratuliert. Als "Anerkennung der handwerklichen und unternehmerischen Leistung" überbrachte er dem Firmenchef Karl Rudolf Ulmer beim Jubiläumsfest mit weit über 100 Gästen eine Ehrenurkunde der Handwerkskammer.
Auf der langen Liste der Gratulanten standen auch Oberbürgermeister Dr. Bernd Wiedmann, MdL Ernst Arnegger, der Geschäftsführer des Landesinnungsverbandes des württembergischen Bäckerhandwerks, Dr. Nergert, sowie die Vertreter der Handwerkerschaft, Innungsverbänden und der Industrie- und Handelskammer.
Karl Rudolf Ulmer nutzte die Gelegenheit, nicht nur seinen damals beschäftigten 48 Mitarbeitern zu danken, sondern auch der guten Seele des Hauses, seiner Frau Irene.
Alexander Ulmer tritt 1990 in die Geschäftsführung ein

Alex Ulmer (1960) erlernte nach Abschluss der mittleren Reife den Bäckerberuf von der Pike auf, wobei ihn seine Stationen über Winnenden im Rems-Murr-Kreis zur Bäckerei Maurer und danach für die Ausbildung zum Konditor nach Biberach, Riss zur Konditorei Keim führten. Als Innungsbester und Kammersieger, sowohl bei den Bäckern als auch bei den Konditoren, nahm er am Landeswettbewerb der Konditorgesellen teil, bei dem er als Landessieger hervorging. Der für die Landessieger aus allen Bundesländern der Republik stattfindende Bundeswettbewerb in Norddeutschland bescherte Alex Ulmer den Titel: 2. Bundessieger.
1985 legte Alex Ulmer die Meisterprüfung der Bäcker an der Bundesfachschule in Weinheim ab.
1986 nahm er an der Hoppenlauschule in Stuttgart den Meisterbrief der Konditoren entgegen.
Als Ergänzung zur fachlichen Ausbildung erfolgte 1989 die Weiterbildung zum Betriebswirt des Handwerks.
Ideale Voraussetzungen, um in die Fußstapfen von Rudolf Ulmer I. und Karl Rudolf Ulmer II. zu treten.
Im Januar 1990 wurde Alex Ulmer neben Karl Rudolf Ulmer sen. zum zweiten Geschäftsführer der Ulmer GmbH bestellt. Er leitet heute den Backbetrieb in dritter Generation.

- 1999 Erstes Außensilo
1999 - Betriebserweiterung
1999 wurde die Produktionsfläche um 350 Quadratmeter vergrößert. In diesem Zusammenhang modernisierte Firmenchef Alexander Ulmer die Silo- und Verwiegetechnik und erweiterte damit die Lagerfläche auf das Dreifache. Das neue Zeppelin-Silo fasst 47 Kubikmeter und damit rund 22 Tonnen Weizenmehl.
Durch die Entfernung der Innensilos konnten zudem die Teigmacherei und die Konditorei vergrößert werden.
1999 übernimmt Rudolf Leonhard Ulmer die Verkaufsleitung
Rudolf Leonhard Ulmer begann seine berufliche Laufbahn als Auszubildender bei der Bäcker- und Konditoreneinkauf e.G. in Ravensburg und beendete diese als Großhandelskaufmann. Nach dem Wehrdienst folgte an der Lebensmittelfachschule Neuwied eine berufliche Weiterbildung mit dem Abschluss "staatl. gepr. Handelsbetriebswirt". Anschließend trat er die Stelle als Niederlassungsleiter der BÄKO Eifel-Mosel in Wittlich an.
1987 übernahm Rudolf Leonhard die Stelle als Filialabrechner bei der Bäckerei Egle in Dornstadt-Bollingen bei Ulm. Nebenher absolvierte er eine praktische Berufsausbildung zum Bäcker. Nach dieser Ausbildung wurde ihm von Hermann Egle die Stelle als Verkaufsleiter angeboten, für die er mehrere Jahre die Verantwortung trug.
Im September 1999 trat Rudolf Leonhard die Stelle als Verkaufsleiter im elterlichen Familienbetrieb an, die er heute zusammen mit seiner Schwägerin Claudia Ulmer ausfüllt.
100-jähriges Jubiläum (2012)
Im März 2012 blickt die Bäckerfamilie Ulmer auf 100 Jahre Backtradition zurück. Die (Ulmer)Spatzen pfeifen es bereits von den Dächern. Man darf gespannt sein, denn die Ulmer verstehen es zu feiern............








